Sonst sind Eis- und Felswände Odermatts Terrain. Noch wichtiger als Gipfel sind ihm die Erinnerungen an den Aufstieg.
Nach oben und in die Ferne, das sind die zwei Richtungen, die Urs Odermatt bewegen. Hinauf will er überall, wo er klettert und das tut er besonders gerne dort, wo niemand vor ihm war. Ebenso wichtig ist ihm, gesund hinunter und nach hause zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern zu kommen. «Zu einer Erstbesteigung gehört, dass man heil zurückkehrt», hatte schon Everest-Erstbesteiger Edmund Hillary gesagt. «Kein Berg ist es Wert, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen», wiederholt Urs Odermatt eine alte Weisheit der Alpinisten.
So brechen er und seine Seilgefährten die Besteigung der Tupilak-Nordwand in Grönland kurz vor dem Gipfel ab. Die grössten Schwierigkeiten der 1000m hohen Wand haben sie gemeistert. Nach 21 Stunden dauerklettern sind die drei wach genug, um einzusehen, dass der Moment gekommen ist, abzuseilen. «Lektionen in Demut» nennen sie die Route, die bis 40 Höhenmeter unter den Gipfel führt. Das Thema ist für Urs damit abgeschlossen.
Eine neue und besonders schwere Route in der Eigernordwand lässt ihn weniger schnell los – genau gesagt überhaupt nicht, bis er sie mit seinem Partner Peter Keller im dritten Versuch durchsteigt. Vier Tage sind sie in der Wand unterwegs. «Etwas zu leisten, das nicht jeder kann» gibt er einmal in einem Interview als Motivation an. Der «Griff ins Licht», wie er die Route durch die Eigernordwand tauft, ist aber nicht deshalb eines seiner besten Klettererlebnisse. «Peter und ich hatten einfach eine extrem tolle Zeit», stellt er klar. «Erinnerungen sind das was zählt und neue Eindrücke sind mir wichtiger als der Gipfel.»
Weltmeister werden und weiter suchen
Der Weltmeistertitel und die perfekte Wand sind Urs Odermatts Ziele. Das erste möchte er bald, das zweite am liebsten nie erreichen.
Als Profi-Kletterer und Bergführer verdient Urs Odermatt sein Geld in den Bergen. Leben tut er in der kleinen Stadt Uster im Kanton Zürich, wo er auch aufgewachsen ist. Etwas überraschend betont er: «Ich brauche die Stadt. In den Bergen möchte ich nicht wohnen.» Auf seinem erlernten Beruf als Chemielaborant hat er hingegen keinen einzigen Tag gearbeitet. «Sponsoren gaben mir die Chance, mit Klettern Geld zu verdienen und die habe ich genutzt.»
Um Neues zu erleben sucht Urs nach Eis- und Felswänden, die noch nie durchstiegen wurden. «Ich will etwas klettern, von dem ich nicht weiss, wie es aussieht, bevor ich da bin.» Von der Wand in Grönland hatte er zwei Fotos, von einer anderen in Russland nur eines. Im Prinzip reicht ihm die Gewissheit, dass da etwas ist, das man klettern kann. «Wenn man nicht weiss, was einen erwartet, wird schon die Vorbereitung zur Herausforderung.»
Der Entdecker und Erstbegeher ist eine Seite von Urs Odermatt. Der Wettkämpfer ist eine andere. An den Big Walls geht es ihm um Eindrücke und Erinnerungen. An Eiskletterwettbewerben zählen nur die Resultate. «Beim Abenteuerbergsteigen gibt es keinen Leistungsvergleich. Im Wettkampf werden die Karten auf den Tisch gelegt.» Seit Jahren gehört Urs Odermatt zur Weltspitze. Sein Ziel ist klar: «Ich will Weltmeister werden.»
Daneben geht die Suche nach der perfekten Wand weiter. Wie die aussieht? «Das spürt man wenn man sie gefunden hat. Das Klima muss angenehm sein, die Leute freundlich, der Fels perfekt, die Dimensionen der Wand müssen stimmen. Und ich muss als erster dort sein.» Wie so oft ist der Weg das Ziel. «Das Schlimmste wäre, die perfekte Wand zu finden. Dann hätte ich nichts mehr, wonach ich suchen kann.»
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